Tötungsverbot bei Hippokrates

Die «Hippokratische Gesellschaft Schweiz» ist als Ärztevereinigung der Ethik des griechischen Arztes Hippokrates verpflichtet – eines der ältesten und erfolgreichsten ethischen Systeme der Welt, welches dem Arzt das Töten kategorisch verbietet: «Auch werde ich niemandem ein tödliches Mittel geben, auch nicht, wenn ich darum gebeten werde, und ich werde auch niemanden dabei beraten.»

Beihilfe zum Suizid

25. Oktober 2018: Die Ärztekammer der FMH lehnte die Aufnahme der neuen SAMW Richtlinien „Umgang mit Sterben und Tod“ ins Standesrecht mit grosser Mehrheit ab

Weiteres siehe untenstehende Pressemitteilung:

PM Ärztekammer lehnt neue SAMW-Richtlinien klar ab. HGS 25.10.2018

ARGUMENTE ZUR ABLEHNUNG der Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) «Umgang mit Sterben und Tod»

Situation

Die SAMW hatte am 6. Juni 2018 die äusserst umstrittenen Richtlinien «Umgang mit Sterben und Tod» veröffentlicht. Der Zentralvorstand der FMH und der Vorstand der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich (AGZ) wollten die Veröffentlichung verhindern und wurden von der SAMW übergangen. Da neu Ärzte Beihilfe zum Suizid bei nicht tödlichen Krankheiten leisten können sollen, werden «die Grenzen ärztlichen Handelns überschritten», stellen Präsident und Generalsekretär der AGZ fest.
Am 25. Oktober 2018 befand die Ärztekammer der FMH über die Aufnahme der Richtlinien in die Standesordnung. Eine Annahme hätte bedeutet, dass diese Richtlinien auf
die Stufe des Standesrechtes erhoben und damit für alle Mitglieder der FMH verbindlich geworden wären. (In verschiedenen Kantonen werden die SAMW‐Richtlinien auch ins Gesundheitsgesetz übernommen, wodurch sie auf Gesetzesstufe gehoben werden.)
Die Hippokratische Gesellschaft Schweiz schloss sich der Kritik an den Richtlinien aus folgenden Gründen an:
1. Unvereinbar mit der ärztlichen Ethik
Die SAMW will Beihilfe zum Suizid als mögliche ärztliche Tätigkeit standesrechtlich legitimieren. Neu soll ausserdem das Kriterium der Todesnähe wegfallen. Das heisst: Jeder, der als urteilsfähig beurteilt wurde, könnte Suizidbeihilfe verlangen. Eine Beteiligung an Selbst‐Tötungshandlungen widerspricht aber grundlegend der ärztlichen Ethikund dem ärztlichen Auftrag.
2.Ausweitung des Geltungsbereiches
Neu soll der Geltungsbereich auf Kinder und Jugendliche jeden Alters sowie Patienten mit geistiger,psychischer und Mehrfachbehinderung ausgeweitet werden. In den Niederlanden und in Belgien sehen wir die bereits vollzogenen weiteren Schritte auf der schiefen Ebene: Beihilfe zum Suizid bei Kindern und Jugendlichen, psychisch Kranken, «Lebensmüden», aktive Euthanasie mit oder ohne Verlangen,Organentnahme nach assistiertem Suizid. Die Schweiz würde mit dem Inkrafttreten der Richtlinien einen traurigen Spitzenplatz weltweit in der Negation des Lebenswertes des Menschen mit Krankheit und Behinderung einnehmen – im Gegensatz zur Präambel der Bundesverfassung: «(…) dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.»
3.«Unerträgliches Leiden» darf kein Kriterium sein
Der neu verwendete, von vielen Fachleuten kritisierte Begriff «unerträgliches Leiden» wurde von den niederländischen Euthanasieprotagonisten eigens zur Begründung der Euthanasie geschaffen. Die Konzeption von «unerträglichem Leiden» negiert die Veränderbarkeit von Leiden, ist nicht objektivierbar und führt zu einem Einstellen menschlicher Bemühungen und therapeutischer Interventionen. Dadurch wird der Leidende in seiner Not im Stich gelassen, und der Druck sich zu suizidieren, wird erhöht.
4. Suizidwünsche sind fast immer zeitlich begrenzt
Suizidalität ist Ausdruck menschlicher Not und ruft nach menschlichem und fachlichem Beistand. Suizidwünsche sind fast immer zeitlich begrenzt. Menschen, welche einen Suizidversuch überlebt haben, entwickeln in der Regel sofort oder nach einiger Zeit wieder Lebenswillen. Gerade bei lebensbedrohlich Erkrankten folgt auf eine Phase der Suizidalität oft eine vom Erkrankten und den Angehörigen als sehr wertvoll und intensiv erlebte Zeit.
5.Echte Autonomie ist ohne menschliche Verbundenheit nicht möglich
Menschliche Autonomie ist immer eine Autonomie in Beziehung. Da Menschen von Natur aus soziale Wesen und aufeinander angewiesen sind, ergänzen Autonomie und Fürsorge einander.
Die Haltung, mit der die Mitmenschen und die Professionellen einem Suizidgefährdeten begegnen, kann so auch immer den Suizidwunsch in die eine oder andere Richtung beeinflussen. Die Anwendung des Autonomiebegriffes als «Selbstbestimmung» ohne Bezug und Verpflichtung füreinander führt dazu, dass der Suizidgefährdete in seiner Not im Stich gelassen wird.
6.Der Schutz des Lebens ist oberstes Ziel des Rechtsstaates
Die Richtlinien verlassen den Boden der unveräusserlichen natürlichen Menschenrechte, die den Schutz eines jeden Lebens als Grundlage und Voraussetzung für Freiheit gewährleisten und widersprechen damit fundamental nationalem und internationalem Recht.
7.Assistierter Suizid als «billige Lösung»?
Es droht die Gefahr, dass der assistierte Suizid als «Alternative» zur menschlichen ärztlichen und pflegerischen Betreuung und Zuwendung benutzt wird, um Kosten zu sparen. Was ärztliche Aufgabe zu sein vorgibt, bekommt früher oder später einen Tarmed-­ Tarif oder eine DRG und wird ökonomisch verglichen werden mit teureren echten ärztlichen Leistungen wie der palliativen oder psychiatrischen Behandlung. Bereits jetzt wird die Möglichkeit des ärztlichen Gespräches, das in Krisensituationen am wirksamsten ist, durch Tarmed-­Vorgaben eingeschränkt und abgewertet.
8.Ausweitung der Beihilfe zum Suizid erhöht die Opferzahlen
Wer zum Suizidwunsch eines anderen Menschen keine Stellung bezieht, diesen bejaht oder sogar Beihilfe leistet, übernimmt damit die Beurteilung von dessen Leiden als «unerträglich» und seines Lebens als «nicht lebenswert». Damit verstärkt er die Suizidalität des Notleidenden und verweigert ihm
wirkliche mitmenschliche Hilfeleistung. Es ist heute erwiesen, dass allein die Diskussion über Suizid zu einem Nachahmereffekt führt (Werther-­Effekt). Genauso ist erwiesen, dass die Veröffentlichung und das Gespräch über gelungene Problemlösungen Suizide verhindern (Papageno‐Effekt). Wer übernimmt die Verantwortung für die Menschenleben, die diese «Diskussion» bereits gekostet hatund noch kosten wird?
Die ausführlichen Argumenten sehen Sie im untenstehenden Dokument:

 

Argumente gegen SAMW-RL Umgang mit Sterben und Tod 8.2018

Auszug Protokoll Ärztekammer vom 3.5.2018

Kann _unerträgl. Leiden ein Kriterium sein_., Bozzaro, DMW 2015, Nr. 140

Übersichtsartikel Sterbehilfe, Karen Nestor, smf Nr. 35, 2017

 

Hier lesen Sie die Vernehmlassungsantwort der Hippokratischen Gesellschaft

HGS Vernehmlassungsantwort «Sterben und Tod»

Beilage 1 zu Vernehmlassungsantwort RL «Sterben und Tod»

Beilage 2 zu Vernehmlassungsantwort RL «Sterben und Tod»

 

Hier ein guter Übersichtsartikel von Peter Ryser zum Ärztlichen Handeln am Lebensende

aerztliches-handeln-am-lebensende-artikel-peter-ryser-2016

 

Vorgeschichte

Nachdem mit dem Scheitern der Initiative Cavalli 2001 der Einführung der aktiven Euthanasie in der Schweiz ein Riegel geschoben wurde, versuchen deren Protagonisten seitdem, das «Recht auf Leben» über die Verbreitung der Suizidbeihilfe auszuhebeln. Dies geschah zum einen  durch den immer wiederkehrenden Versuch, die Suizidbeihilfe gesetzlich zu regeln und so ins Recht zu implementieren. Da das Strafgesetz im Artikel die Beihilfe zum Suizid grundsätzlich verbietet (und nicht erlaubt, wie es gebetsmühlenartig verbreitet wird), würde eine Verfahrensregelung die Suizidbeihilfe im Gesetz verankern. Bisher gestattet der Paragraph 115 nur Strafmilderung bei Vorliegen uneigennütziger Motive.

Unsere Stellungnahme zum Vorstoss, den Paragraph 115 StGB zu ändern, finden Sie in untenstehender Vernehmlassungsantwort. Aktuell besteht kein erneuter Versuch auf parlamentarischer Ebene, die Suizidbeihilfe gesetzlich zu regeln.

Vernehmlassungsantwort der Hippokratischen Gesellschaft Schweiz zur organisierten Suizidhilfe

Seither versuchen Vertreter der Suizidlobby über die SAMW-Richtlinien in Salamitzaktik Beihilfe zum Suizid als Ärztliche Tätigkeit zu etablieren. Bereits mit der Richtlinienrevision von 2004 wurde ein erster Schritt auf die schiefe Ebene unternommen. Die Hippokratische Gesellschaft Schweiz hat sich bereits damals deutlich dagegen gewehrt.

 

 

Entwicklungen in Deutschland

Kein assistierter Suizid, FAZ vom 27.6.2015

Eine ausführliche Dokumentation der Vorgänge finden Sie auf untenstehender website.

Arbeitsbündnis Deutschland: Kein assistierter Suizid

Kommentar zum Sterbehilfegesetz in Deutschland, NZZ vom 07.11.2015

Pressemitteilung 9.11.15

Aktive Euthanasie

Die Hippokratische Gesellschaft wurde 1999 im Zusammenhang mit Betrebungen gegründet, die aktive Euthanasie in der Schweiz einzuführen. Als Grundlage für die Argumentation gegen Tötung von Menschen, deren Leben als nicht mehr lebenswert eingestuft werden sollte, entstand eine Broschüre, in der Positionen aus verschiedenen Disziplinen wie Medizin, Jurisprudenz, Geschichts- wissenschaft, den Hochreligionen und der Soziologie an Positionen zusammengetragen wurden, um zu helfen, die Tragweite einer Entscheidung in dieser Frage aus der interdisziplinären Betrachtung zu erkennen. Die Hippokratische Gesellschaft Schweiz steht den seit 1993 in der Schweiz laufenden Bestrebungen, die Tötung auf Verlangen («aktive Euthanasie»oder auch «aktive Sterbehilfe») zu legalisieren, offen ablehnend gegenüber. Wir sehen in diesem Versuch eine Wiederholung historischer Fehler. Die angemessene Reaktion auf das Begehren, Kranke «aus Mitleid» zu töten, kann – so gut auch immer die Absichten dabei sein mögen – nur ein «Wehret den Anfängen» sein. Das zeigt alle Menschheitserfahrung. Die negativen Konsequenzen der Forderung nach Mitleidstötung immer wieder von neuem erfahren zu müssen, ist unnötig und für eine Kulturnation im Grunde beschämend. Historisches Gedächtnis kann uns das ersparen.

Um ein Schweizer Euthanasie-Gesetzgebungsverfahren zu verhindern, hat die Hippokratische Gesellschaft unter anderem diese Dokumentation erstellt. Sie zeigt, welch tiefgreifende Konsequenzen eine Lockerung des Tötungsverbotes für jeden Bürger hätte und dass alle Bereiche der Gesellschaft davon betroffen wären -am stärksten aber die Arzt -Patient – Beziehung. Die auf Vertrauen aufbauende, helfende Beziehung von Du zu Du ist der anthropologische Kern der Arzt – Patient -Beziehung. Das Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit beim Gang zum Arzt oder ins Krankenhaus wird unweigerlich zerrüttet, wenn der Arzt im Gefühlsleben des Kranken vom Helfer zum potentiellen Todesengel mutiert.

 Das historische Bewusstsein darüber, wie schwer das universelle Tötungsverbot durchzusetzen war, scheint verschüttet. Wir verdanken dem Tötungsverbot alles, was wir heute an Zivilisation, Wohlstand, Bildung, Ethik, Moral, freiheitlicher Staatsverfassung, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Freiheit, Gemeinwohl, Lebenserwartung etc. haben – alles! Das Lebendigsein ist die unabdingbare Voraussetzung, eine Würde und Rechte haben und arbeiten und lieben zukönnen, glücklich zu leben und würdig zu sterben. Auch der natürliche Tod ist Teil des Lebens.
Wir beobachten, dass heute materialistische Skrupellosigkeit und entfesseltes Gewinnstreben den Euthanasie -Ideologen die Hand reichen. Kranke zu töten jedoch wäre auf lange Sicht die
teuerste Lösung, die sich eine Gesellschaft leisten kann –  finanziell und moralisch. Am Anfang steht die Lockerung des Tötungsverbotes, am Ende der Zusammenbruch der Solidarität,
der Nächstenliebe und der selbstverständlichen Verbundenheit in der gesamten Gesellschaft wie im Staat. Die Nächstenliebe und das bewährte Prinzip der Solidarität vor dem Bonum Commune, dem Gemeinwohl, die Solidargemeinschaft und der Generationenvertrag werden ersetzt durch knallhartes ökonomisches Management. Sukzessiv wurden und werden medizinische Einrichtungen in rentable Unternehmen verwandelt. Auf der Strecke bleiben die Schwächsten der Gesellschaft, die Kranken, die alten Menschen, die auf die Hilfe der Gesellschaft angewiesen sind. Sie haben dieser Schweiz ihre Lebensleistung gegeben, den heutigen Staat und seine Werke aufgebaut, und es gebührt ihnen Achtung und Dankbarkeit.
Wir möchten verhindern, dass kranke und alte Menschen zwischen den ideologischen Mühlsteinen der Euthanasie -Ideen und der gefahrvollen Rationierungsplanung aufgeriebenwerden. Vom christlichen und humanistischen Standpunkt aus ist vielmehr folgendes notwendig:
  •  eine deutliche Stellungnahme gegen jede Tötung von Menschen;
  • der konsequente Ausbau der Versorgung mit Palliativmedizin; (Pallium = lat. Mantel; Behandlungsmethode, welche sich zum Ziel gesetzt hat, unheilbar Kranken durch Linderung ihres Leidens zu helfen (Schmerzbehandlung, Linderung von Atemnot etc.);
  • ein sehr besonnenes Führen der Diskussion um eine Dämpfung der Kosten im Gesundheitswesen, so dass kein psychischer Druck auf ältere oder schwerkranke Mitbürger entsteht, aus  wirtschaftlichen Gründen auf sinnvolle Behandlungen zu verzichten
 (aus der Einführung der Broschüre «Legalisierung der akitiven Sterbehilfe in der Schweiz?», 1999)
 Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in der Schweiz – Broschüre 1999